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Abendmeeting im Restaurant Dieci, Rapperswil zum Thema: «Dementiell erkrankt; Perspektive für Kranke und Gesunde» Referent Michael Schmieder, Demenzexperte, Pfleger, Ethiker und Autor, Verwaltungsratspräsident vom Pflegeheim Sonnweid in Wetzikon/ZH.

Mit den ersten Symptomen - oder bereits in einem fortgeschrittenen Stadium - werden wir oftmals mit einem Elternteil konfrontiert, wo man Fehlleistungen feststellen muss, die nachdenklich machen. Es kann aber auch im erweiterten Familien- oder Freundeskreis Menschen geben, die plötzlich Eigenarten annehmen, die uns stutzig machen. Was geht hier vor? Ein Vater, der immer aktiv und eine Persönlichkeit war, wird plötzlich inaktiv, zieht sich zurück, vergisst Alltagsdinge, die vorher selbstverständlich waren. Wie geht man damit um? Was sind die nächsten Schritte? Gerade in der Anfangsphase Zuhause ist es nicht nur für den Betroffenen äusserst schwierig, Veränderungen, die Angst machen, wahrzunehmen und die man gar nicht mehr richtig einordnen kann. Das gleiche gilt ebenso für die Angehörigen, die dann rasch mit der Aufforderung kommen: Lass dich doch endlich abklären!

Zum heutigen Anlass durfte Jürg Bachmann 30 Teilnehmer begrüssen, was sicher auch das grosse Interesse am Thema der Demenz widerspiegelte. Insbesondere hiess er den Referenten Micha-el Schmieder, Verwaltungsratspräsident des Pflegeheims Sonnweid in Wetzikon, herzlich willkommen.
Auch wenn wir ein junger Lions-Club sind, so beginnt Michael Schmieder sein Referat, kommen wir alle auf irgendeine Art und Weise in Berührung mit dem Thema Demenz, welches ein Über-begriff von ungefähr 120 verschiedenster Demenzformen bedeutet, wozu auch die Alzheimer-Erkrankung gehört. Nach Statistik sind in der Schweiz etwa 155'000 Personen von Demenz betroffen, jährlich kommen zirka 30'000 neue Krankheitsfälle dazu.

In seinem Buch «Dement, aber nicht bescheuert» weist Michael Schmieder auf Punkte hin, die uns helfen können, zu verstehen, was mit einem Alzheimer-Patienten passiert: Die Leistungsmerkmale fallen bei ihm weg, und dies in einer Gesellschaft, wo sie doch einen grossen Stellen-wert haben. Auch der Patient merkt dies auf seine Weise, wird mit seinen neuen Unzulänglichkeiten direkt konfrontiert, realisiert – noch -, dass vieles nicht mehr geht, was vor kurzer Zeit möglich war. Er beginnt sich zu schämen, meidet die Gesellschaft, denn oftmals reagiert die Umwelt verständnislos oder sogar vorwurfsvoll. Wir alle haben Angst, so der Referent, dass wir dement werden und plötzlich eine grosse Gedächtnislücke entstehen könnte, wo wir vergessen und uns an nichts mehr erinnern können, weil z.B. 40 Jahre (Berufs)-Leben einfach ausgeblendet sind. Bei Alzheimer-Patienten sind die Erinnerungen nicht im Kopf gespeichert, sondern im Körper; der Körper vergisst nicht, dies die Aussage von Michael Schmieder. Und er empfiehlt: Nicht nach dem Grund suchen, sondern es annehmen und aushalten, dass zwar ein Grund da ist, wir ihn aber nicht kennen müssen.

Wie unterstützen wir betroffene Menschen? Menschen, die sich fragen: Wer bin ich, wenn ich nicht weiss, dass Ich bin? Wenn ich nicht mehr weiss, was «normal» ist. Wenn Dinge, die einmal wichtig waren, keine Bedeutung mehr haben. Man vergisst, was war. Für die Kranken ist es ein Drama, denn die Realitäten stimmen nicht mehr mit denen der Angehörigen überein. Ein Beispiel des Referenten zeigt die Unterschiedlichkeit der Wahrnehmung und der Fehlleistungen ganz deutlich auf: Im Speisesaal ein Reiskorn unter dem Gebiss. Das Gebiss wird herausgenommen und auf den Tisch gelegt, was für gesunde Menschen verständlicherweise ein absolutes No-Go ist. Die Umwelt wird mit regelwidrigen Situationen konfrontiert, mit Normen, die missachtet werden. Der Alzheimer-Patient versteht nicht, was da nicht richtig sein soll. Für ihn war es Schmerzbeseitigung, für die gesunden Menschen ein Verstoss gegen die Normen. Aus Norm wird Unnorm, aus Struktur wird Chaos, das Chaos wird zur Norm.

Für den Alzheimer-Patienten gilt: Das Leben im Jetzt! Es ist ein Irrtum zu glauben, so Schmieder, dass der Patient auf der kognitiven Ebene erreicht werden kann. Es geht bei ihm um Gefühle. Auf diese soll man eingehen, nach ihnen fragen, sie aber auch aushalten können. Das muss unsere Gesellschaft noch lernen. Ebenso sind eindeutige Botschaften wichtig: «Mutter, wir haben entschieden, dass du ins Heim musst. Es findet jetzt statt, jetzt muss es sein.» Sein Aufruf: Angehörige und Pflegende sollen Partner sein. Der Patient soll mit Respekt und Achtung, Ehrlichkeit und Offenheit betreut werden. Der Patient will nicht entwertet, stigmatisiert, infantilisiert, er will nicht zum Objekt erklärt werden.

Zu Beginn der Krankheit:
Störungen, Verhaltensänderungen, Defizite werden vom Patienten überspielt. Angehörige erkennen Fehlleistungen. Plötzlich realisiert auch der Betroffene, dass etwas nicht mehr richtig funkti-oniert; er zieht sich zurück. Er ist überfordert, Menschen in der «normalen» Welt zu verstehen.

Hilfe für den Umgang mit Demenz:
Kurze Sätze, direktes Ansprechen, keine Auswahl-Fragen, d.h. kein Oder, auch nicht auf einer Aussage beharren. Miteinander etwas machen, das Freude bereitet: Singen, in der Natur draussen sein, spazieren gehen, und vor allem anspruchslos gegenüber Menschen mit Demenz sein.

Menschen mit Demenz sollen unter sich sein, so das Fazit aus der langjährigen Erfahrung von Michael Schmieder. Und auf Wikipedia steht: «Die Sonnweid gilt als Pionierbetrieb und gehört heute zu den weltweit führenden Institutionen auf diesem Gebiet. 1986 entstand die erste Wohngruppe für Menschen mit Demenz. 1998 wurde die Oase für Menschen mit schwerer Demenz eröffnet. Mit der Tag/Nacht-Station (zeitlich flexible Aufenthalte von einem Tag bis zu einem Monat) entlastet die Sonnweid zu Hause pflegende Angehörige. Seit 1994 sind vier Neubauten entstanden, die an die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz angepasst sind.»
https://www.sonnweid.ch/; https://alzheimer.ch/de/ueber-uns/; https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Schmieder; https://www.nzz.ch/zuerich/mit-demenzkranken-auf-augenhoehe-ld.1326679 

Mit grossem Applaus wird das engagierte Referat verdankt. Und wir freuen uns, dass der LC Ufenau die Sonnweid mit einem Beitrag unterstützt. Das anschliessende Nachtessen war sehr gut und die Stimmung ebenso.